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Crewing beim Backyard-Ultra: Rollen, Routine und die Kunst, zur richtigen Zeit zu schweigen

Eine gute Crew ist im Backyard kein Luxus — sie ist der Unterschied zwischen einem Läufer, der nach 40 Stunden noch klar denkt, und einem, der schon nach 24 Stunden aussteigt, weil ein organisierter Ablauf fehlte. Dieser Artikel zeigt, wie eine Crew den Bereich zwischen den Runden strukturiert, Rollen aufteilt und in den langen Nachtstunden das Wichtigste liefert: Stabilität.


Auf einen Blick

  • Ankunftsroutine trainieren: Die ersten 2–3 Minuten nach der Ankunft entscheiden, wie ruhig die restliche Pause läuft.
  • Rollen klar aufteilen: Wer empfängt, wer ernährt, wer die Zeit im Blick hat — das muss vorher feststehen.
  • Schlafen ist möglich: Selbst 10–12 Minuten liegen können ab Runde 15 den Unterschied machen.
  • Weniger reden ist oft mehr: Ab den dunklen Stunden braucht der/die Läufer:in Ruhe, keine Ansprache.
  • Crew-Schlaf planen: Wer selbst erschöpft ist, macht Fehler — auch im Zelt.

Was eine Crew beim Backyard tut

Beim Backyard-Ultra startet alle 60 Minuten eine neue Runde mit exakt 6,706 km. Das heisst: Je nach Pace hat der/die Läufer:in 10 bis 25 Minuten im Zeltbereich, bevor er/sie wieder an der Startlinie stehen muss. Diese Zeit ist die Arbeit der Crew.

Konkret bedeutet das:

  • Empfang am Einlaufbereich
  • Schuhe, Socken oder Kleidung wechseln, falls nötig
  • Essen und Trinken bereitstellen und — wenn nötig — aktiv anbieten
  • Notizen zu Stimmung, Körper, Beschwerden machen
  • Zeit im Auge behalten: rechtzeitig zur Linie
  • Nachts: Licht, Wärme, Motivation

Die Zelt-Routine: Schritt für Schritt

1. Ankommen (Minute 1–3)

Wer läuft, hat oft keine Energie mehr für Entscheidungen. Die Crew nimmt das ab.

  • Eine Person empfängt direkt am Bereich, hilft aus dem Rucksack oder nimmt Ausrüstung entgegen.
  • Erste Frage: "Alles okay?" — nicht mehr. Keine Analyse, keine Kommentare zum Rennen.
  • Sitzplatz, Decke oder Wechselkleidung liegt bereit.

2. Trockenlegen und Wärmen (Minute 2–5)

Feuchte Kleidung kühlt schnell aus, besonders nachts. Socken und Oberteil wechseln (wenn schweissgetränkt) kostet 2 Minuten und verhindert Blasen und Auskühlung.

  • Wechselset immer griffbereit, gerollt oder gefaltet, nicht gestapelt.
  • Nasskleidung kommt sofort weg — keine Zeitverschwendung.
  • Wärmeschutz: Thermozelt, Biwaksack oder Fleece-Layer je nach Temperatur.

3. Nutrition (Minute 3–10)

Essen und Trinken hat in dieser Phase Priorität. Was in der Pause nicht aufgenommen wird, fehlt auf der nächsten Runde.

  • Feste Getränk-Reihenfolge: erst trinken, dann essen.
  • Bewährte Formate in der Praxis: Suppe (salzig, flüssig, warm), Reis, Kartoffeln, Banane, Nussbutter-Brot, weiche Riegel.
  • Ab Runde 12–15 nimmt der Appetit häufig ab — dann helfen kleine Portionen, bekannte Geschmäcke und konsequentes Anbieten ohne Druck.
  • Was der/die Läufer:in kategorisch ablehnt, erzwinge nicht. Auf das nächste Angebot ausweichen.

Zu Salz, Elektrolyten und Koffein: Siehe separate Artikel. Kurz: Individuell sehr unterschiedlich, Dosierung immer vorher testen, bei Unsicherheiten Fachperson fragen.

4. Kurzes Liegen oder Schlafen (Minute 8–18, wenn Zeit reicht)

Viele Crews unterschätzen, wie viel selbst ein kurzes Liegen bringt. Kein Tiefschlaf nötig — Augen zu, Beine hoch, 5–12 Minuten Nicht-bewegen.

Ab etwa Stunde 20–24 wird Schlaf zum eigentlichen Engpass. Wenn der Zeitplan es erlaubt (z.B. bei schnellen Läufer:innen mit 20+ Minuten Pause): Wecker stellen, wirklich hinlegen, Schlafmaske rein.

Wichtig: Jemand aus der Crew muss aktiv ans Aufwachen erinnern und die Zeit im Blick haben.

5. Rechtzeitig an die Linie (Minute −5 bis −2)

Zu spät an der Linie = DNF. Das ist die nicht verhandelbare Aufgabe der Crew.

  • Timekeeper-Rolle klar vergeben: Eine Person ist ausschliesslich für den Countdown verantwortlich.
  • Bei 5 Minuten: erstes Signal, unabhängig davon, wie der/die Läufer:in gerade liegt oder isst.
  • Bei 2 Minuten: Aufstehen, Ausrüstung anlegen, Richtung Linie.
  • Nie "noch eine Minute" riskieren.

Rollen klar aufteilen

Eine Crew funktioniert wie ein kleines Team mit definierten Aufgaben. Bei zwei Personen im Zelt:

RolleAufgaben
Empfang & KörperAnkommen abfangen, Kleidung, Blasen, Körperpflege
Nutrition & ZeitEssen/Trinken bereitstellen, Wecker, Countdown

Bei drei Personen kommt ein Protokoll/Stimmung-Slot hinzu: Wer notiert Symptome, beobachtet Gangbild, hält Gespräche kurz fest.

Rollen vorab besprechen, nicht im Rennen. Wenn alle dasselbe tun, geht Zeit verloren und Fehler passieren.


Crewing-Checkliste (Basismaterial)

Ausrüstung & Kleidung:

  • 3–4 Wechsel-Socken (Blasen-Prophylaxe)
  • 2–3 Wechsel-Shirts
  • Regenjacke, Thermolayer, Kopfbedeckung
  • Ersatz-Schuhe (andere Passform für geschwollene Füsse)

Nutrition:

  • Warme Suppe (Thermos)
  • Salzige und süsse Optionen nebeneinander
  • Getränke: Wasser, isotonisch, ggf. Cola ab Runde 15–20
  • Riegel, Gels, weiche Speisen

Hilfsmittel:

  • Klappstühle, Isomatte, Schlafsack
  • Stirnlampen + Reserve-Batterien
  • Pflaster, Tape, Blasenpflege-Set
  • Notizbuch oder App für Rundenprotokoll
  • Wecker (Backup zum Handy)
  • Powerbank, Ladekabel

Medikamente: Nur nach Absprache mit Arzt/Apotheker mitnehmen und anwenden. Kein Ibuprofen oder andere Schmerzmittel auf eigene Faust einsetzen — Nierenfunktion und Flüssigkeitshaushalt sind bei Ultras komplex, die Risiken real. Im Zweifel Rennarzt konsultieren.


Kommunikation: Wann reden, wann schweigen

Das ist die am häufigsten unterschätzte Crew-Aufgabe.

Tagsüber (Runde 1–10): Kurze Rückmeldungen okay, Stimmung auflockern erlaubt, Fragen stellen ("Blasen? Schmerzen? Wie läuft's?").

Abends und nachts (Runde 10–20+): Weniger ist mehr. Der/die Läufer:in befindet sich häufig in einem reduzierten Bewusstseinszustand. Lange Sätze, Witze, Diskussionen — alles kostet Energie, die nicht vorhanden ist.

Praktische Regel: Wenn der/die Läufer:in keine Fragen beantwortet oder einsilbig reagiert, Gespräche stoppen. Nur das Notwendige: "Hier ist dein Essen. Noch 8 Minuten."

Was wirklich hilft:

  • Bekannte, ruhige Stimmen
  • Gleiche Routine jede Runde (schafft Orientierung)
  • Körperliche Sicherheit: Decke, Wärme, Sitzplatz
  • Kurze, klare Information: "Du bist gut in der Zeit."

Was schadet:

  • "Soll ich abbrechen?" (nie von der Crew initiieren — das ist Sache des Athleten/der Athletin)
  • Vergleiche mit anderen Läufer:innen
  • Panik oder Aufregung sichtbar machen

Schlaf und Erholung der Crew

Eine Crew, die selbst in Stunde 30 keine Fehler machen soll, braucht eigene Schlafplanung. Schichtbetrieb ist kein Luxus.

  • Nachts reihum schlafen, wenn ein 2-Stunden-Fenster reicht
  • Hauptperson für Zeitkontrolle darf nicht gleichzeitig schlafen
  • Schlafentzug führt auch bei Crewmitgliedern zu Fehlern — Zeitverkennung, vergessene Details, schlechte Kommunikation

Warnzeichen, bei denen die Crew eingreifen muss

Auch wenn die Entscheidung zum Abbruch beim Athleten/der Athletin liegt, gibt es Situationen, in denen die Crew klar und direkt handeln muss:

  • Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit
  • Sprechen oder Laufen stark verändert (Taumeln, Schlingern)
  • Kein Urin oder sehr dunkler Urin über mehrere Runden
  • Anhaltende starke Schmerzen, die sich nicht erklären lassen
  • Kollaps oder Ohnmacht

In diesen Fällen: Rennarzt oder Sanitätsdienst sofort einschalten.



Hinweis – keine medizinische Beratung

Alle Inhalte in diesem Artikel sind allgemeine Informationen und kein Ersatz für individuelle medizinische oder ernährungsmedizinische Beratung. Die beschriebenen Abläufe, Checklisten und Beobachtungshinweise sind Erfahrungswissen aus der Ultra-Community — keine verbindlichen Handlungsanweisungen. Eigenverantwortung liegt bei jeder beteiligten Person. Bei Medikamenten, Elektrolytstrategien und Koffein empfiehlt sich individuelle Abklärung mit Ärztin, Arzt oder Apotheke. Bei Warnzeichen wie Verwirrtheit, dunklem Urin, anhaltenden starken Schmerzen oder Kollaps sollte das Rennen abgebrochen und umgehend ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.


Quellen: Praxiswissen aus der Ultramarathon-Community, allgemeine Schlafforschung (Kurzzeitschlaf/Napping), Ernährungsempfehlungen orientiert an ISSN Position Stand on Sports Nutrition (2017/2021) sowie ACSM-Richtlinien zu Flüssigkeitsaufnahme. Alle Angaben zu Dosierungen und Medikamenten: individuell mit Fachperson abklären. Quellen noch zu verifizieren.

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